Ich bleibe Meta

Unangemessenheit der Aufgabenstellung. Mein eigener Wille zur Vollständigkeit. Mein Nachdenken über das Lesen, das nicht in den Blog wandern kann, weil es nicht mit Dostojewskij zu tun hat. Die Angst, einen falschen Gesamteindruck zu vermitteln. Meine eigentlichen Lesegewohnheiten, die, seltsam genug, sich komplett unterscheiden davon, wie ich D. lese. Vielleicht ist das ganz richtig, ganz sicher aber macht das dieses Lektüretagebuch zu einem mir fremden Ding. Ob es nicht spannend wäre, gerade von der Unvereinbarkeit meiner sonstigen Lesegewohnheiten mit dem Lesen eines so langen Romans auszugehen, bla bla, ja, ist es, aber das geht an meinem Problem vorbei. Ich mag es ja, das Ding zu lesen, aber nur weil es eine so andere, fast will ich sagen: neue Erfahrung ist. So ist es nun also so, dass wir so weit entfernt von der Welt des neunzehnten Jahrhunderts sind, dass sie uns neu sein kann. Wenn das Ende der Postmoderne zu genüge durchgekaut ist, wird die frühe Moderne interessant, werden vielleicht die Dinge, die vor der Moderne liegen, interessant.

Man könnte, aber das will ich als falsch markieren, sagen, es sei entspannend, alte Literatur zu lesen, aus einer Zeit, die uns noch nicht so überforderte wie die heutige, die einfacher ist und deren Literatur einfacher ist und sich nicht anstrengt (oder von unserer Sicht aus anzustrengen scheint), neu und modern zu sein (wahrscheinlich tat sie es damals sehr wohl). Stattdessen will ich sagen, dass diese alte Literatur spannend ist, weil sie uns nicht einfach ist, weil sie zu ihrer Zeit vielleicht den neuesten Stand darstellte (vielleicht nicht, gleichviel), der aber inzwischen so weit zurückliegt, dass er nicht mehr einfach nur überholt, sondern dass er fremdartig und unverständlich ist. Solche alten Texte wurden nicht geschrieben, um von uns gelesen zu werden, wir sind so weit entfernt von ihnen, dass sie nicht einmal die Ahnung einer Welt, wie sie uns vor Augen liegt, in sich tragen können, und weil wir keine Ahnung von der Welt, die diese Literatur hervorbrachte, mehr in uns tragen. Was zeitgenössische Avantgarde mit größter Mühe herzustellen versucht, schaffen die toten Autoren, ohne es beabsichtigt zu haben: Text so zu schreiben, dass die Konstruktion von Sinn, dass die Nachvollziehbarkeit der Gedankenbewegungen, dass der Satzbau, dass mitunter die Semantik der Wörter unklar wird; dass nicht mehr im altmodischen Wortsinn eine Welt und eine Geschichte konstruiert werden, sondern dass eine Textfläche entsteht, die als Textfläche wahrgenommen wird, die nicht von selbst oder objektiv bestimmbar Sinn hätte, sondern die beim Lesen einen Sinn bekommt, der komplett arbiträr sein kann, der mindestens aber nicht kontrollierbar ist, weder vom Autor noch vom Leser. Sinn, der einem zustößt.

Ich kann/ muss einmal argumentieren für dieses Lesen und gegen ein Lesen, das versucht, herauszufinden, was Dostojewskij wollte. Vielleicht mache ich das demnächst, vielleicht lasse ich es auch. Wichtiger als für es zu argumentieren ist ja, das oben angedeutete Lesen zu üben, zu untersuchen, zu beschreiben. Eine übliche Krankheit der Denker, herauszufinden, was gedacht werden muss, statt es zu denken.

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Intermezzo

Ich habe bislang nicht weitergelesen. Das geht so nicht. Alles. Ich weiß es ja, dass ich sehr anfällig bin für äußere Umstände, und habe vorausgesehen, dass ein so einschneidender Umstand wie ein regelmäßig zu führendes Lesetagebuch seine Wirkung nicht verfehlen würde. Tatsächlich ist es so, dass ich, sobald das Buch mir in die Augen geriet, daran dachte, dass ich die drei markierten Stellen über die Anführungszeichen noch zu bloggen hatte (was vorgestern dann endlich geschehen ist), und ich setzte mich an den Computer und verdrängte mit großer Effektivität und Geschwindigkeit den Grund, dass ich eigentlich dort sitze, um etwas zu erledigen. Nach ein paar Tagen kam dann die Idee eines Blogeintrags, der erklärt, warum ich nicht weitergelesen habe, dazu. So ein Scannen und Bloggen ist ja keine große Sache, aber bei einem Werk wie „Verbrechen und Strafe“, das zu lesen ohnehin nicht wenig Entschlusskraft erfordert, ehe man sich daranmacht, ist jede zusätzliche Barriere ein deutlich spürbares Hindernis. Tatsächlich schreibe ich auch jetzt nur, weil das so eine hervorragende Gelegenheit ist, das Aufräumen meines Zimmers vor mir her zu schieben und mich trotzdem produktiv zu fühlen.

Das geht so nicht. Alles. Ich kann nicht lesen, wenn ich immer nur daran denken muss, danach noch genug Zeit zu haben, um meine Erlebnisse festzuhalten, und so festzuhalten, dass ich sie sowohl Dr. S als auch meinem bescheidenen digitalen Publikum (das überhaupt nicht bescheiden, sondern Gag-lüstern ist) zu präsentieren mich nicht schäme.

Das muss anders werden. Alles. Ich lege mich jetzt lesen.

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Interpunktion, erste Eindrücke

Vielleicht, sicherlich sogar, reagiere ich zu empfindlich auf Interpunktion und sonstige Kleinigkeiten im Text, aber ich kann nicht anders.  Wie Dostojewskij Anführungszeichen und Klammern kombiniert, ist total Porno:

Seite 24

Obwohl eine solche Verwirrung später nicht mehr vorkommt, bleibt das Ganze alles andere als gleichmäßig:

Seite 26

Seite 32

So, jetzt habe ich also auch gelernt, Bilder einzubinden. Es ist denkbar einfach.

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Seiten 9 bis 40

Ich bin mit Dostojewskij nach draußen in den Park vor meiner Haustür gegangen und habe gelesen. Bäume sind aus ergonomischer Sicht ausgesprochen mangelhaft ausgearbeitete Sitzlehnen, die von der deutlichst scheinenden Sonne implizierte Wärme eine höchstens oberflächliche, eigentlich nicht einmal das. Die letzten 8 Seiten des Textabschnitts habe ich dann nach reiflicher im Internet verbrachter Pause in meinem warmen Zimmer gelesen. Das Buch hat knapp 750 Seiten, der eigentliche Roman steht auf den Seiten 9 bis 716 (für Stellen-Anmerkungen und die Personenauflistung im Anhang bin ich sehr dankbar, mehr dazu später), ich habe bis Seite 40 gelesen. Das sind die ersten zwei (von sieben) Kapitel des ersten (von sechs) Teilen. Ich werde ewig an dem verdammten Buch sitzen.

Das wird ein langer Post, ein viel zu langer Post. Skizzenartige Ideen, Randbemerkungen, Auffälligkeiten, im Grunde von allem viel zu viel, ist zu versammeln. Von der Unmöglichkeit, daraus einen glatten, zusammenhängenden Text zu bauen, ganz zu schweigen: Das habe ich ohnehin nicht vor. Vielleicht setze ich nächstens die Absätze kürzer, setze mich öfter an den Blog, halte die Lektüre-Beobachtungen in kürzeren Abständen fest; 30 Seiten, die ich heute gelesen habe, sind ja tatsächlich sehr viel, um sämtliche Erlebnisse, die beim Lesen kommen, in einem Blogpost zusammenzufassen. Konsequenz wäre, nur kurze strecken im Roman zurücklegen zu können, so kurze, dass der Gang in den Park gar nicht lohnen würde. Konsequenz wäre, ein Kapitel zu lesen und sofort Lektüretagebuch ausformulieren zu müssen, das will ich nicht, das behindert mich nur.

Die Frage, ob das Lektüretagebuch mich nicht ohnehin nur behindert. Die Gewissheit, dass ein Lesen mit dem Wissen darum, die Erlebnisse des Lesens notieren und reflektieren zu müssen, ein anderes Lesen provoziert. Hat man nicht nur genau dann das Gefühl, in einem „richtigen“ (Ich hasse es, deutsche Anführungszeichen aus der Wikipedia herauskopieren zu müssen, weil es die selbst auf einer deutschen (!) Tastatur nicht gibt; dass die aktuelle Schriftart (Verdana) deutsche Anführungszeichen falsch darstellt, ist ein altbekanntes Problem, dessen Lösung vertagt wird.) Lesefluss zu sein, wenn man das Lesen als solches eben nicht wahrnimmt? Ganz sicher sogar. Die Frage, ob ein Lesen, das ohne ein Wahrnehmen des Akts des Lesens als solchem vollzogen wird, ein „besseres“ oder ein „schlechteres“ Lesen ist, zu beantworten, liegt außerhalb meiner Entscheidungsbefugnisse. Ich will es gar nicht entscheiden. Ich will es nicht entscheiden müssen. Aber dass mir überhaupt gar nicht die Chance gelassen wird, in „Verbrechen und Strafe“ auf eine solche „unbewusste“ Weise zu lesen, ist eine vom verehrten Dr. S. getroffene Entscheidung, die ich mir lieber nicht hätte abnehmen lassen.

Rodion Romanowitsch Raskolnikow (einen russischerer und kraftvollerer und melancholischerer Name lässt sich nur schwer denken) ist ein auffallend schöner, junger Student, nachdenklich, geistesabwesend, mit sich selbst sprechend, „mit sich selbst beschäftigt“ heißt es gar, und er spricht mit sich selbst sogar über das Mit-sich-selbst-Sprechen, Seite 10:

Deshalb handle ich nicht, weil ich rede. Allerdings kann es auch sein: Ich rede, weil ich nicht handle.

Ich habe nicht vor, den Roman hier im Laufe der Eintragungen zusammenzufassen, ich bin mir noch nicht im Klaren darüber, ob ich schreiben soll, als könnte ich die Kenntnis des Romans beim Leser voraussetzen. Es soll ja nicht um den Roman, sondern um mein Lesen des Romans gehen. These: Man ist es viel zu sehr gewohnt, einen Roman so zu lesen, als müsste man ihn zusammenfassen. Könnte sogar stimmen. Aber ist ja auch klar und gar nicht zu verteufeln, man hat ja vor, tief in die Geschichte zu dringen, sie zu verstehen.

Anyway.

Raskolnikow ist auf eine Weise seltsam, dass man das Bedürfnis hat, ihn bei der Hand zu nehmen und ihm zu zeigen, dass die Welt kein so geisteskranker Ort ist, wie er vielleicht glaubt. Sympathie. Ist es Sympathie? Ist es nicht zwangsläufig eine seltsame Art der Sympathie, die man mit der Hauptperson eines Romans aufbaut, speziell dann, wenn in personalem Erzählmodus verfahren wird (vgl. z. B. die Verbrechergeschichten von Poe)? Oder liegt das an mir? Bin nur gerade ich für ein Temperament wie das Raskolnikow’sche besonders (zu sehr?) anfällig? Spontane Theorien darüber, dass die sozialistische Arbeitsmoral, die, obwohl ich nicht ganz zwei Jahre alt war, als die Mauer fiel, das Umfeld meiner Kindeszeit unfraglich prägten, eine Ursache dafür sind, dass arbeitsunfähige Temperamente von mir mit einem besonderen Wohlwollen betrachtet werden. Kampf gegen den verdammten Scheiß-Pietismus des von a) Sozialismus und b) Protestantismus geprägten nord-östlichen Teil Deutschlands, in dem ich aufwuchs, könnte man es radikaler nennen.

Aber: Raskolnikow hat etwas vor. Es wird mir nicht verraten. Es hat sich als idée fixe in ihm festgesetzt und treibt ihn um und treibt ihn zu der unangenehmen alten Pfandleiherin und treibt ihn in eine Art Paranoia des Nicht-erwischt-werden-Dürfens. Stets heißt es nur (meist kursiv gesetzt) „das“, „dabei“, „Ist es mir damit etwa ernst?“, „[…] wenn es tatsächlich einmal zu der Tat kommen sollte“ und so fort. Nun diese Merkwürdigkeit, diese Spannung, diese Ungewissheit fühlen zu wollen, sich einzureden, sie zu fühlen, und doch genau zu wissen, dass er die Pfandleiherin mit einer Axt erschlagen wird. Ich meine: Wenn er dann bei der Alten ist, alles sondiert, sich merkt, wo sie welche Schlüssel verwahrt, dann ahnt man schon, dass er ihr nach dem Leben trachtet, zumindest glaube ich, dass man es da bereits mit einiger Sicherheit ahnen kann, wissen kann ich es nicht, ob man es an dieser Stelle ahnt, denn ich weiß, statt zu ahnen. Ich tröste mich damit, dass es ja in dem Roman, so weit ich das bereits sagen kann, nicht darum gehen wird, besonders spannend aufzubauen, ob und dass und wie R. die Alte umbringt, und dass ich abgesehen davon noch nachgerade gar nichts weiß über den Roman. Mein Leseerlebnis bleibt unbeeinträchtigt, möchte ich denken, in dem genauen Wissen darum, dass es Unsinn ist, von einer Beeinträchtigung zu reden: Ich kann ja nicht wissen, was D. wollte, dass ich bei der Lektüre erlebe (wenn solche Kategorien überhaupt eine Rolle bei seinem Schreiben spielten), mit einiger Sicherheit aber weiß ich, dass ich, was immer er eventuell wollte, dass ich erlebe, nicht erleben werde, zumindest nicht genau so erleben werde, wie er es wollte, schlicht weil das Ding so alt ist. Mit einem Leser wie mir konnte D. nicht rechnen, und das ist gut, und es gefällt mir, die Geschichte trotzdem zu lesen, und trotzdem zu erleben, so zu erleben, wie ich sie eben erlebe. „Ätsch“, sozusagen. Aber das findet so eben nur in der Theorie statt, tatsächlich überkommt mich andauernd eine, fast möchte ich sagen: Sehnsucht zur Unfreiheit beim Lesen, ein Genervt-Sein von der Verantwortung für mein Erleben. Und, dem entgegengesetzt, und doch gleichzeitig: Die ständige, ständige Reflexion, das hier, was ich hier mache, was ich auch während des Lesens immer mache, von außen drauf zu schauen, was eben das genaue Gegenteil des Sich-Auslieferns ist, nämlich ein Drüber-Stehen, Ausdruck einer Angst vor dem Sich-ganz-Einlassen. Ist es Angst vor der nur heimlich, nur verstohlen ersehnten passiven Rolle? Oder ist tatsächlich diese Sehsucht das Oberflächliche, und tiefer ein mir nicht selbst eingestandener Wille zur Macht, der sich mit der Passivität nicht verträgt? Freche These: Literaturwissenschaft ist der Versuch, zu verschleiern, dass Literatur einen viel tiefer in Frage stellt, als man es mit ihr machen kann. Und: Literaturwissenschaft ist der Versuch, die sexuelle Komponente der Literatur zu ersticken.

Ich muss Roland Barthes lesen, „Die Lust am Text“, endlich. Zum wievielten Mal nehme ich mir das nun schon vor?

Weiter im Text (mir ist bewusst, dass das oben Stehende, obwohl Abschweifung, durchaus Bearbeitung des Themas ist, aber trotzdem: Weiter im Text.) Namen. Namen sind ein Krampf. Ich habe allgemein ein schlechtes Namensgedächtnis und noch deutlicher ein schlechtes Namensgedächtnis, wenn es um Figuren in der Literatur geht. Das ist OK, damit kann man leben, damit kann man lesen. Aber was D. macht, grenzt an Boswill. Zunächst russische Namen allgemein. Ganz schlicht: Ich verstehe es nicht. Ich schaute einmal mit einiger Begeisterung „Liebe Jelena Sergejewna“ und halte das noch immer für einen hervorragenden Film, aber es war meine erste bewusste Konfrontation mit der anscheinenden russischen Eigenart, Menschen mit Vor- und Zunamen anzureden, das war mir bis dahin nur aus Fantasy-Filmen geläufig. Und dann scheinen diese Zunamen gar keine richtigen Zunamen zu sein, Sergejewna heißt Tochter von Sergej, aber es scheint dann noch mal zusätzlich so was wie Zunamen zu geben, die aber ebenfalls an das jeweilige Geschlecht angepasst sind. Diese penetrante Verankerung des Geschlechts im Namen wäre zweifelsohne ein lohnendes Forschungsobjekt der Queer-Studies, derartige Untersuchungen kann ich an dieser Stelle leider nicht vornehmen, die heteronormativen Namen werden mir aber die ganzen 700 Seiten lang ein Dorn im Auge bleiben. Zudem diese Art Appell an Familienehre in jedem Ruf, man stelle sich das vor, ich würde immer als Klaus, Bernds Sohn gerufen (wenig überraschend übrigens, dass mein Vater einen Namen hat, der an den meinen angehängt keine schöne Kombination ergibt), als hätte das etwas zu sagen, als stünde man ohne Ausweg in einer Schuld den Eltern gegenüber, in der Pflicht, den Namen würdig weiterzutragen.

Das Schlimme an Dostojewskijs Namenspolitik ist nun aber, dass er die Namen nicht eindeutig verwendet, Raskolnikow lernt Marmeladow kennen (Jedwedes Wortspiel, Marmelade enthaltend, verbittet sich mir, aber konnte ich den Namen auch nur einmal lesen, ohne an Marmelade zu denken? Nein.), der auch fleißig und ausdauernd Marmeladow genannt wird, dann irgendwann taucht ein neuer Name auf, ich schaue pflichteifrig in der Namensliste hinten im Buch nach (sie ist unglaublich wichtig und hilfreich und mit einem Lesezeichen versehen, weil sie nicht auf der letzten oder vorletzten, sondern auf der zwölftletzten Seite im Buch oder so steht, und ich sie also ständig aufs Neue suchen müsste; ich habe bereits darüber nachgedacht, sie herauszureißen und als Lesezeichen zu benutzen, das wäre eine unendliche Erleichterung) und finde den Namen erst gar nicht, und dann finde ich ihn doch, und das ist auch Marmeladow, nur dass er bis dahin eben immer nur Marmeladow genannt worden ist, nicht Semjon Sacharytsch. Weiter: Iwanownas gibt es in Hülle und Fülle in dem Roman, die alte Pfandleiherin zum Beispiel, die R. umbringen wird, heißt Aljona Iwanowna, und Marmeladows Frau heißt Katerina Iwanowna. Das bedeutet nun aber nicht, dass die beiden verwandt wären, tatsächlich heißt Katerina Iwanowna Katerina Iwanowna Marmeladowa (weil sie nun einmal Marmeladows Frau ist), so wird sie nur im Roman nicht genannt. Aljona Iwanownas Nachname wird nicht genannt, im ganzen Roman, und aber sie hat einen, die Namensliste schreibt dort drei Punkte. Das alles wäre nun noch erträglich, und auch dass einige Menschen hie und da mit Verniedlichungsformen angeredet werden, ist etwas, an das man sich gewöhnen kann, und dass Sonetschka die Verniedlichungsform von Sonja ist, kann man sich auch denken, aber: Sonja heißt auch Sofja. Sofja Semjonowna nämlich, Sofja Semjonowna Marmeladowa, denn sie ist Semjon Sacharytsch Marmeladows Tochter, aber sie wird im Gegensatz zu den anderen Figuren nie mit zwei Namen (Sofja Semjonowna) genannt, sondern immer nur Sofja oder Sonja, zumindest bislang. Ich habe erst 30 Seiten gelesen, die Namensliste ist sehr, sehr lang, und sehr viele Namen tragen abweichende Formen in Klammern, und wenn ich dann sehe, dass Andotja die Nebenform Dunja hat und dass Mikolka nun trotz des -a am Ende keine Frau, sondern die Nebenform des Namens Nikolaj sein soll, dann sehe ich jetzt schon, dass ich von der Namensliste lieber ein paar Kopien machen sollte, weil die nämlich blitzschnell zerfleddert sein wird, so dünn, wie das Papier ist.

Das Papier ist geradezu unanständig dünn. Die 750 Seiten sind zusammen gerade einmal zwei Zentimeter dick, ich kann durch zwei dieser Blätter hindurch erkennen, ob das nächste beschrieben ist, ich habe, indem ich das Buch das erste Mal anfasste, ihm unabsichtlich das erste Eselsohr beigefügt, sämtliche gelesenen Seiten sind geradezu zerknittert, der weiche Einband droht bereits jetzt aus dem Leim zu gehen, weil ich einen Bleistift als Lesezeichen benutzte. Die Blätter wellen sich, wenn man eine Minute lang einen Finger draufhält. Ständig blättere ich zwei oder drei Blätter auf einmal um und fürchte bereits, dass meine alte Manie, bei jedem Umblättern die Seitenzahlen zu kontrollieren, demnächst wiederkehren und diesmal ewig bleiben wird. Als ich mit dem Buch draußen saß, blätterte das leiseste Lüftchen ständig in den Seiten, die dadurch noch mehr knickten. Die Seitenzahlen stehen nicht außen an den Blättern, sondern eher mittig, sodass man die Seiten weit aufschlagen muss, wenn man nach einer bestimmten Seitenzahl sucht. Die (hilfreichen) Anmerkungen zu einzelnen Wörtern und Wendungen finden sich nicht unten auf den jeweiligen Seiten, sondern hinten im Anhang, sodass nach ihnen geblättert werden muss, die im Anhang erklärten Wörter sind im Text aber nicht als erklärte gekennzeichnet, sodass man auch für das eine oder andere Wort in den Anhang schaut, für das es dort keine Erklärung gibt. Außer Namensliste und Stellen-Erläuterungen enthält der Anhang noch allerlei unnötigen Kram, sodass es notwendig ist, ein Lesezeichen sowohl bei den Stellenerläuterungen als auch beim Namensverzeichnis zu haben, um diese schnell zu finden. Ein Inhaltsverzeichnis gibt es ebenfalls nicht, nur eine Auflistung der einzelnen Szenen (deren Sinn sich mit nicht ganz erschließt), die auch die Seitenzahlen der sechs Teile mitliefert (nicht die Seitenzahlen der einzelnen Kapitel), aber ebenfalls in den Untiefen des Anhangs verborgen, nicht schnell greifbar.

Kurz: Statt der ohnehin nicht leichte Lektüre wenigstens von der rein materiellen Seite her so wenig Widerstand wie möglich entgegenzusetzen, will dieses Buch mich fertigmachen. Das Buch will nicht, dass der in ihm enthaltene Roman gelesen wird. Es sieht nicht einmal besonders schick aus. Der Verlag Fischer sollte sich schämen für dieses Buch.

Unterstreichungen und Randnotizen anbringen aus Protest gegen die sonst nicht zum Arbeiten gedachte Materialität des Buchs. Unterstreichungen und Randnotizen anbringen aus Pflichtschuldigkeit gegenüber der Aufgabe, ein Lektüretagebuch zu führen. Gleichzeitig die völlige Naivität in den Randnotizen, ich habe bei „Diese Art Sauberkeit findet man bei bösen und alten Witwen“ an den Rand geschrieben, dass mich das an meine Großmutter erinnert hat. Ich konnte tatsächlich nicht anders, als beim Lesen innezuhalten, kurz zu lachen, und über den seltsamen Umstand zu sinnieren, dass alte Menschen ihre Energie oft in eine Art der Sauberkeit  stecken, die jungen Menschen fremd bis unangenehm ist.

Ich habe mir das Wort „Überdruss“ auf Seite 17 markiert, weil ich es für essenziell halte.

Ich habe auf der gleichen Seite „Er hatte noch nie eine Schenke betreten“ angestrichen, weil ich diesen Charakterzug sehr sympathisch an R. fand, ohne ihm übelzunehmen, dass er gerade in eine Schenke ging.

Ich habe auf Notizzettel notiert, dass ich während des Lesens im Park auf einer betonierten Fläche mehrere Jugendliche auf merkwürdigen Skateboards mit nur zwei Rollen (eine vorn, eine hinten) habe fahren sehen, wie heißen diese Dinger bloß? Sie scheinen eine erhebliche Beweglichkeit zu ermöglichen, die engen Schlangenlinien, die damit zu fahren waren, erstaunten mich. Die notierte Frage, ob die Offenheit für solch merkwürdige Beobachtungen damit zusammenhängt, dass ich einen Roman des Realismus lese, in dem genaue Beschreibungen sehr wichtig sind, und die ebenfalls notierte Antwort, dass solche Fragen wohl rein aus dem Zwang, ein Lektüretagebuch zu führen und Text produzieren zu müssen, stammen.

Raskolnikow, der schöne und für Verrücktheiten gar zu empfängliche Raskolnikow, trifft auf Marmeladow, ausgerechnet, die Selbsterniedrigung und das Eingeständnis in die Unwürdigkeit können ihm nicht gut tun. Gewählt, so gewählt spricht M., und wird von dem Wirt als Komiker bezeichnet, die Erbärmlichkeit in Person, und er weiß es ja, das ist es eben, und er geht dennoch da hin, er bettelt, er ist ein alter Säufer, der es nicht besser verdient hat, und er weiß auch das alles, und seine Familie leidet unter ihm, er hat Frau und drei kleine Kinder (und Sonja, ach, Sonja), die hungern, seinetwegen. Seite 25:

Fühle ich etwa nicht mit? Und je mehr ich trinke, desto tiefer fühle ich mit. Deshalb trinke ich ja, weil ich im Tinken Mitleid und Gefühl suche … Weil ich noch einmal so tief leiden will!

Sklavenmoral; Nietzsche, der Dostojewskij-Leser; und es ist ja auch etwas dran. Das hat das Christentum ganz Europa übergestülpt, diese Gewissheit, im Recht zu sein, wenn man leidet. Und hat man etwa nicht Mitleid mit Katrina Iwanowna, und mit Sonja, sind sie einem nicht sympathisch genau deswegen, weil sie leiden, weil sie aus der Gesellschaft herausgefallen, geächtet sind und arm und machtlos? Und mein Gott, was sie leiden! Zuerst wird K.s Geschichte erzählt, der gut situierten, vornehmen, stolzen Frau, die plötzlich verarmt, die Marmeladow heiratet, ausgerechnet ihn, „weinend und schluchzend und händeringend“ heiratet sie ihn, und recht tut sie daran, er sorgt nicht gut für sie, die ihm ausgeliefert ist. Und wenn Dostojewskij uns so weit hat, die Katerina Iwanowna zu bemitleiden und ihr alle Launen und Grobheiten (und sie ist eine sehr launische und sehr herrische Frau) nachzusehen, dann lässt er Sonja an der Welt scheitern, die ehrliche Arbeit nicht belohnt, und lässt Katerina Iwanowna deswegen Sonja anfahren, die kein Geld nach Hause bringen kann, und lässt, wir sind noch immer in dem Strom des Elends drin, den Marmeladow besoffen in der Ecke liegend beobachtet, Sonja ihre Unschuld für 30 Rubel verkaufen und heim bringen und sich weinend, zitternd aufs Bett werfen, und Katerina Iwanowna nimmt sie in die Arme, und beide weinen sich in den Schlaf. Ich schrieb „Jetzt weine ich fast“ an den Rand, und das stimmte auch.

Und Marmeladow geht einen Monat lang seinem Beamten-Dasein nach, und rutscht wieder ab, stiehlt seiner Familie das Geld, sodass sie hungern muss, säuft, schläft auf den Heukänen, und Sonja muss weiter anschaffen gehen, und dann bettelt er bei sogar Sonja. Dicke Anstreichung aus dem Themenbereich Schuld/Verbrechen/Sühne/Strafe auf Seite 33:

Nicht auf Erden, sondern dort … dort werden die Menschen so betrauert, beweint, und nicht gerichtet, nicht gerichtet! Aber es ist noch ärger, noch ärger, wenn man nicht gerichtet wird!

Seite 34/35 ein Absatz in Bibelstil à la auch die Erbärmlichsten werden von Gott erlöst, blabla, ich hoffe nur, so etwas kommt nicht zu oft.

Marmeladow zurück bei seiner Katerina Iwanowna, und sie schleift ihn an den Haaren auf dem Boden entlang, er betonend, es sei ihm eine „Lu-u-st“, und es geht nicht anders, ich muss alles, jetzt auch das, was er früher sagte, lesen als Aussagen eines Masochisten. Ist das gut, mit solchen Dostojewskij fremden Konzepten an seine Romane zu gehen? D. meinte es ja sicher nicht sexuell, sondern moralisch, aber vielleicht war genau das ein Fehler?

Moral ist ohnehin nur uneingestandener Masochismus.

Sätze, die man nur schreibt, weil sie so bündig und frech sind. Sinn ist eine arbiträre Kategorie.

Ich ende mit Zitaten von Seite 40, Raskolnikow spricht mit sich selbst:

Erst weint man, und dann gewöhnt man sich dran. Der Mensch ist ein Lump und gewöhnt sich eben an alles.

Und gleich darauf:

Und wenn es nicht wahr ist? […] Wenn der Mensch wirklich kein Lump ist, im Ganzen, also das Menschengeschlecht überhaupt, darin [Druckfehler? Soll das eigentlich „dann“ heißen?] heißt das, dass alles andere nichts als Vorurteile sind, nur Kinderschreck, und dass es keine Schranken gibt, und dass das so sein muss!

Ist das Nihilismus? Und warum ist es so abstrus und unverständlich formuliert?

Ich muss über Dostojewskijs Stil schreiben, das habe ich bislang unbetrachtet gelassen, aber es gibt da viel zu sagen.

Endlich bin ich durch den Beitrag. Er ist viel, viel zu lang. Er enthält ja sehr viele sehr allgemeine Betrachtungen, ich nehme an, ich hoffe zumindest, dass aus diesem Grund die nächsten Beiträge kürzer werden können. Ich musste jetzt ja nicht nur das Projekt und das Buch, sondern geradezu mich selbst und mein Lesen und mein Lektüretagebuch-Schreiben grundsätzlich geradezu aus dem Nichts heraus konstruieren. Das ist nötig, um die Vorzeichen auch für die künftigen Beiträge vorzujustieren, die darauf aufbauen können.

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Vorüberlegungen

Die Zeichen für dieses Blog stehen denkbar schlecht:

  1. Es ist eine Pflichtübung, und mein Drang zur Renitenz ein erheblicher. Ich muss in diesem Semester für ein Seminar „Verbrechen und Strafe“ lesen, ich muss dabei Lektüretagebuch führen, ich muss es ohnehin irgendwann digitalisieren, um es in einem lesbaren Format zu haben (dass meine Handschrift in die Kategorie Geheimschrift fällt, ist hinlänglich bekannt).
  2. Ich habe es noch nie geschafft, ein Blog über eine längere Zeit durchzuhalten.
  3. Mein Semester ist, das zeichnet sich, welch Überraschung, jetzt schon ab, sehr arbeitsintensiv, und erfahrungsgemäß wird das im Verlauf der kommenden Wochen nicht besser werden.
  4. Das Einzige, was ich bisher von Dostojewskij gelesen habe, war der Anfang der „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“, und ich hatte beim Lesen das Gefühl, die Hauptperson, den Kellerlochbewohner, völlig gegen D.s Intention zu mögen.

Warum ich es dennoch versuchen will:

  1. Es ist eine Pflichtübung. (Surprise!) Wenn ich schon ein Lektüretagebuch schreibe, dann soll es auch gelesen werden, und nicht nur zu Semesterende kurz vom verehrten (er liest vielleicht mit) Doktor S. wohlwollend überflogen werden.
  2. Später, wenn ich mir das hier durchlese, was ich, blabla, und blabla und werde dankbar blabla damals blabla hach blabla …
  3. Vielleicht interessiert es ja Einige tatsächlich, was ich hier schreibe. Ich versuche auch, versprochen, hie und da einen Gag einzubauen.
  4. Vielleicht hilft das Blog ja, mich zum Lesen zu reizen. Vielleicht lese ich auch weiter, wenn das Buch mich ankotzt, weil ich mich dann hier darüber auskotzen kann. Wie das Internet meine Ausdrucksweise verhunzt, kotzt mich auch an

Beide Listen könnte ich noch erweitern, aber eigentlich kann man sich den Rest ja auch denken, und wie die Sache aussieht, steht es 4:4, ausgeglichenes Kräfteverhältnis, Fifty-fifty-Chance (das schreibt sich tatsächlich so, ein großes und ein kleines F, ja, wenn ihr das hier lest, könnt ihr gleich noch Deutsch lernen) dafür, dass ich es schaffe, das hier durchzuziehen, ungewisses Ende, Spannung, hua!

Das Design ist ein provisorisches, Schriftart wird eine schöne gesucht, vielleicht ändere ich sogar das Weiß-auf-Schwarz in ein Schwarz-auf-Weiß, wenn ich herausgefunden habe, wie das am einfachsten geht.

NACHTRAG

Ich werde mich in HTML einlesen müssen. Die Formatierung geht ja gar nicht. Momentan schlimmstes Dorn im Auge: der fehlende Abstand nach den Aufzählungen. Ich habe versucht, das durch eine Leerzeile zu beheben, Leerzeilen ignoriert WordPress aber anscheinend. Hier einen weiteren Satz mit dem Verb „kotzen“ einfügen.

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Ansage

In diesem Blog werde ich versuchen, annähernd regelmäßig meine Erfahrung bei der Lektüre von Dostojewskijs „Verbrechen und Strafe“ zusammenzutragen.

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